Die Narbe ist ein Teil von mir

Becca Atherton schrieb diesen Artikel für die amerikanische Adult Congenital Heart Association. Becca wurde mit einer Fallot-Tetralogie, einer Pulmonalatresie und einer pulmonalen Hypertonie geboren. Sie wurde als Baby adoptiert und wuchs in einer multikulturellen Familie auf. Die Ärzte schätzten bei ihrer Geburt, dass sie nur fünf Jahre alt werden kann, doch nun ist sie schon 19 und studiert an einem College. Sie liebt es zu lesen, Gebärdensprache zu Musikstücken aufzuführen und ihren Blog zu schreiben.

Hier ist ihre Geschichte.

Wie ihr alle wisst, heißt einen angeborenen Herzfehler zu haben, auch gleichzeitig eine Narbe auf der Brust zu haben – oder sogar mehrere. Die meiste Zeit meines Lebens war ich nicht sonderlich befangen wegen meiner Narbe. Das liegt daran, dass ich, seit ich acht bin, an einem Herz-Camp teilnehme. Das hat mir geholfen, mit den Schwierigkeiten zurechtzukommen. Das änderte sich schlagartig, als ich in die Highschool kam. Meine Narbe war von der Operation, die ich in der sechsten Klasse hatte, noch leuchtend rot und uneben. Ich schämte mich dafür. Das ging sogar so weit, dass ich mir spezielles Make-up besorgte, um sie abzudecken.

Doch ich fühlte mich einfach nicht wie ich selbst. Ich hatte das Gefühl zu lügen oder meinen „Fehler“ zu verbergen. Zugegeben, mein Herzfehler macht nicht allein meine Persönlichkeit aus, aber er ist ein Teil von dem, was ich bin. Wenn ich diesen kleinen Teil von mir wegnehme, bin ich nicht mehr ich. Angesichts dieser Erkenntnis begann ich, mich mit meiner Narbe wohler zu fühlen. Ich trage Shirts mit V-Ausschnitt und Rundhalsauschnitt. Ich habe kein Problem mehr mit meiner Narbe oder meinem Körper.

Aber letztes Wochenende fühlte ich plötzlich wieder in das alte Unwohlsein, das ich als Highschool-Neuling hatte. Ich war zu einer Grillparty der Organisation eingeladen, für die ich öfter Vorträge über meine Erfahrungen mit Mobbing halte. Ich war zuerst begeistert, dass ich andere Redner treffen und herausfinden würde, mit wem ich so zusammenarbeiten würde. Aber dann fing ich an durchzudrehen.

Ich machte mir auf einmal Sorgen, dass alle Mädchen mit Bikinis ankommen und perfekte Haut haben würden, während ich mit einer riesigen, hässlichen Narbe auf meiner Brust dasitzen würde. Außerdem kannte ich niemanden dort. Wie sollte ich Freunde finden unter Leuten, die perfekt aussahen, während ich aussah wie… ich?

Zum Glück wurde ich angenehm überrascht. Ich hatte vergessen, dass Leute aus allen Gesellschaftsschichten für diese Organisation Vorträge halten. Einige sprachen über ihre Vergangenheit mit Essstörungen, weil sie auch irgendwann mal ihren Körper hassten. Ein anderes Mädchen war so schlimm gemobbt worden, dass sie die Highschool verließ und ihren Abschluss stattdessen auf einer Abendschule machte. Ein weiteres Mädchen trug an ihrem Arm die Narben von Selbstmordversuchen.

Ich hatte mir eingeredet, dass ich die Einzige sein werde, die sich wegen ihres Körpers unsicher fühlt. Aber weit gefehlt: die Grillparty war toll und ich mag die Leute sehr, die ich dort traf. Ich weiß, dass gerade diese Menschen verständnisvoll, freundlich und mitfühlend mit dem umgehen, was ich empfinde und durchgemacht habe.

Als ich nach Hause kam, fragte mich meine Mutter, ob mich irgendjemand nach meiner Narbe gefragte hätte. Ich schüttelte lächelnd meinen Kopf und sagte zu ihr: „Mama, da waren zwei Mädchen, die die ganzen Arme voller Schnitte hatten. Ihnen sind die Narben egal. Vielleicht haben sie meine nicht mal bemerkt.“ Das erzählte ich ihr mit einem Grinsen. Ich fühlte mich nie wohler, als in dieser Gruppe von Menschen - abgesehen natürlich von meinen Aufenthalten im Herz-Camp. Es gab einfach eine Verbindung zwischen diesen Menschen und mir, wie auch schon zuvor im Herz-Camp.

Aber nun zu denen von euch, die sich, wie ich manchmal auch, viele Gedanken wegen ihrer Narbe machen: tut es nicht! Eure Narbe definiert nicht eure Persönlichkeit. Ja, sie ist ein Teil eures Lebens, aber sie bestimmt nicht euer komplettes Leben. Also lasst euch durch sie nicht davon abhalten, euer Leben zu leben. Meine Narbe hält mich jedenfalls nicht davon ab, Badeanzüge zu tragen und schwimmen zu gehen. Ich lasse nicht zu, dass meine Narbe mich daran hindert, ein tief ausgeschnittenes Shirt zu tragen.

Wenn ihr wollt, dass die Leute eure Narbe vergessen, dann fangt selbst an, sie zu vergessen. Ich benehme mich wie ein normaler, gesunder, aufgeschlossener Teenager. Und so nehmen mich die Leute auch wahr, weil ich mich weder über meine Narbe noch über meinen Herzfehler definieren lasse. Ich bin einfach ich selbst. Fangt an, euch über eure Persönlichkeit zu definieren, und lasst euch nicht von eurer Narbe dominieren.

Autor(en): Becca Atherton
Letzte Aktualisierung: 2012-08-28

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